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Das Standesamt
Nielsen – Personenregister in Dänemark. Ein historischer Abriß
Jahr, Seite 2000, 103
Titel Personenregister in Dänemark. Ein historischer Abriß
Autor 
O. Perch Nielsen, Stiftamtmand, Aabenraa (Dänemark)
Personenregister in Dänemark
Ein historischer Abriß
Von Stiftamtmand O. Perch Nielsen, Aabenraa/Dänemark*
Jede etablierte Staatsmacht – ob sie nun demokratisch oder diktatorisch ist – hat einen ganz natürlichen Bedarf an Informationen über die Einzelpersonen, die sie in ihrer Obhut weiß. So jedenfalls ist es schon seit zweitausend Jahren. Wir alle kennen ja jenes Gebot des Kaiser Augustus, daß alle Welt geschätzet würde.
Damit verschaffen sich die Machthaber den notwendigen Überblick, möglicherweise um Soldaten zu rekrutieren oder Steuern zu erheben. Und je moderner die zur Anwendung kommenden technischen Methoden sind, desto mehr Informationen kann das System sammeln. In seiner letztendlichen Form kann es uns vollkommen im Auge behalten – zu jeder Zeit.
Grundlegend ist es selbstverständlich, jeden Ab- und Zugang am Bestand der Individuen zu registrieren, also alle Geburten und Todesfälle. Und die ganz genaue Identifikation kann nur erzielt werden, wenn jeder einzelne mit einer Nummer oder einem Namen ausgestattet ist. In Dänemark werden beide Methoden angewandt.
In meinem Land wurde mit dem Sammeln solcher Daten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begonnen. Es waren die Pfarrer, die anfingen, die Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen ihrer Gemeindemitglieder zu registrieren. Dies geschah allerdings nicht allerorten zur gleichen Zeit. Das dänische Reich erstreckte sich damals von der Westküste Jütlands bis Gotland im Bottnischen Meerbusen und vom Nordkap bis Altona. – Dies jedoch hat sich seitdem geändert.
Die erste offizielle Anordnung kam 1645 von König Christian dem Vierten, als den Bischöfen auferlegt wurde, dafür Sorge zu tragen, daß künftig in der gesamten Monarchie Kirchenbücher geführt werden, darunter auch in den königlichen Teilen der Herzogtümer Schleswig und Holstein. Der Wahlspruch des Königs lautete: Regna firmat pietas – zu deutsch: Frömmigkeit stärkt die Reiche. Es war jedoch nicht Gottesfurcht, sondern praktische Probleme mit der Steuereintreibung, die den stets in Geldverlegenheit steckenden König dazu trieben, sich für Kirchenbücher zu interessieren.
Er und die später absolut regierenden Könige waren sich nämlich sehr wohl im klaren darüber, daß der Einfluß der Bischöfe und Pfarrer auf die staatliche Gewalt soweit wie möglich begrenzt werden mußte (sie konnten sich statt dessen der himmlischen annehmen), aber so ganz entbehren konnte man die Geistlichkeit nicht. Die Pastoren wurden daher in eine Reihe weltlicher Funktionen eingebunden, unter anderem weil sie die einzigen Beamten waren, die einen engen und stetigen Kontakt zur Bevölkerung hatten.
Die Predigten der Pastoren waren in den Jahrhunderten nach der Reformation die wesentlichste Vermittlung zwischen der weiten Welt und den örtlichen Gemeinschaften sowie zwischen dem König und seinen Untertanen, ja man kann es so ausdrücken: Die Pfarrer waren das Massenmedium jener Zeit, so wie heute das Fernsehen. Und zu ihren weltlichen Pflichten gehörte auch das Führen der Personenregister.
Das tun sie noch heute in dem Teil Dänemarks, der die Inseln und Jütland nördlich der Königsau, also nördlich der deutsch-dänischen Grenze in der Zeit von 1864 bis 1920 umfaßt. Es ist jene Urkunde, die vom Pastor auf der Grundlage des Kirchenbuches der Kirchengemeinde, das er selbst führt, als einzig gültiges, offiziell anerkanntes Identifikationsdokument gilt. Selbstverständlich führt auch jede kommunale Gemeinde ein Register, ja, eigentlich sogar zwei, teils das sogenannte CPR-Register, teils ein Einwohnerregister. Wenn es jedoch keine Übereinstimmung zwischen diesen beiden Registern auf der einen Seite und dem Kirchenbuch auf der anderen Seite gibt, zum Beispiel bei der Namensschreibung oder der Angabe von Daten, so ist das Kirchenbuch ausschlaggebend.
In diesem Zusammenhang sollte man auch hervorheben, daß in Dänemark der rein kirchlichen Trauung noch immer die volle Rechtsgültigkeit im zivilen Bereich zuerkannt wird. Es gibt also nicht die Forderung einer vorausgegangenen bürgerlichen Hochzeit im Rathaus. Es wird jedoch geprüft, ob die Ehefähigkeit vorliegt – im Gemeindebüro.
Nun war der dänische König früher auch Herzog von ganz Schleswig und Holstein. 1864 wurde Dänemark gezwungen, diese Landgebiete abzugeben, die zwei Jahre später Teil des Königreiches Preußen wurden. Davon zeugt die Siegessäule in Berlin noch heute. Als Preußen 1874 nach französischem Vorbild die bürgerliche Registrierung vornahm und das Personenstandsgesetz erließ, wurde es natürlich auch in Schleswig sowie in Holstein gültig.
Und als der nördliche Teil Schleswigs 1920 nach einer Volksabstimmung wieder an Dänemark fiel, beschloß man im zurückgewonnenen Landesteil, an der bürgerlichen Registrierung von Geburten, Namensgebungen und Todesfällen festzuhalten. Die Aufgabe wurde den nordschleswigschen Kommunen zugeteilt, wobei das Staatsamt die aufsichtsführende Behörde wurde. Die damalige Regierung und das Folketing betrachteten die deutsche Gesetzgebung über die Registrierung des Zivilstandes einfach als besser als die dänische und erklärten wie ganz selbstverständlich, daß eine solche zeitgemäße Regelung »früher oder später« auch im sogenannten alten Land eingeführt werden solle – also in ganz Dänemark.
 
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Es ist beim später geblieben. Jetzt, 80 Jahre nach dem Wiederanschluß Nordschleswigs, ist dieser Schritt noch nicht erfolgt, und nichts deutet darauf hin, daß diese nordschleswigsche und eigentlich preußische Regelung in den nächsten Jahren ihre Ausbreitung in Dänemark findet.
Gleich mehrere sachkundige Gutachten haben eine bürgerliche Zivilstandsregistrierung als die rationellste und verwaltungsmäßig vernünftigste empfohlen, mehrere einflußreiche politische Parteien haben dies in ihren Programmen gefordert. Andere Glaubensgemeinschaften haben Unverständnis und Unzufriedenheit darüber geäußert, daß sie sich in diesen persönlichen Angelegenheiten an die christliche Volkskirche wenden müssen. Und heute am Rande des Jahrtausendwechsels sind Dänemark und Island die einzigen nordischen Länder und vermutlich die einzigen europäischen, die weiterhin die kirchliche Zivilstandsregistrierung praktizieren. Ein wenig provozierend könnte man das so ausdrücken: In Dänemark herrscht weiterhin der Klerus.
Die Frage ist erneut aktuell, weil das Kirchenministerium vor einem Jahr die Einführung von elektronischen Kirchenbüchern, also eine Registrierung auf der Grundlage moderner Daten- und Informationstechnologie vorgeschlagen hat. Dies soll nach den vorliegenden Plänen im Jahre 2001 erfolgen. Die Kosten für die Anschaffung der notwendigen Anlagen und die Ausbildung der Pastoren und Küster wird auf 140 Millionen Kronen, das sind etwa 35 Millionen D-Mark, veranschlagt, die die dänische Volkskirche selbst tragen soll. Die nordschleswigsche Sonderregelung mit den traditionellen Personenregistern wird jedoch fortgeführt.
Der Vorschlag war Anlaß zu einer umfassenden Debatte. Einige Kirchengemeinderäte und Pastoren – ja sogar einige Bischöfe – haben in diesem Zusammenhang öffentlich zum Ausdruck gebracht, daß diese Aufgabe kommunal gelöst werden müsse. Das endgültige Schicksal des Projektes ist noch offen.
Deshalb ist zu verstehen, daß bei dem festlichen Anlaß der Feier »125 Jahre Personenstandsgesetz in Schleswig-Holstein« auch offizielle Vertreter aus Dänemark anwesend sind. Wir in Nordschleswig sind an eine enge, gut funktionierende Zusammenarbeit mit Personen und Behörden südlich der Grenze gewöhnt. Wir fühlen uns daher nicht als Fremde bei diesem Anlaß. In Nordschleswig herrscht eine ausgeprägte Zufriedenheit darüber, daß wir die gleiche Regelung wie in Deutschland und anderen gut entwickelten Ländern haben erhalten können.
*
Ansprache auf der Festveranstaltung »125 Jahre Personenstandsgesetz in Schleswig-Holstein« des Landesverbandes der Standesbeamtinnen und Standesbeamten Schleswig-Holsteins, Eckernförde 1.10.1999.
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